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Bahnfahrt

Stories von Why-Not

Bahnfahrt

   „Was liest du denn da wieder für einen Mist?“
   „Lästere nicht herum, Petra. So viel besser ist dein ‚Herr der Ringe’ nun auch nicht.“
   „Jetzt mach aber mal halblang. Dein Gruselheftchen vom Bahnhofskiosk mit einem richtigen Roman zu vergleichen, ist ja wohl ziemlich daneben.“
   „Spiel dich nicht auf, als seiest du meine Mutter. Außerdem haben wir Semesterferien. Ich habe fürs Vordiplom schon genug anspruchsvolles Geschwafel gelesen.“
   „Wie heißt denn dein Kleinod kultureller Erbauung?“, lästerte Petra weiter, „‚Dracula in Paris’?“
   „Du bist ja bloß neidisch darauf, daß ich noch immer Lesestoff habe, während dein berühmter Dreiteiler längst zu Ende ist.“
   „Wußtest du, daß der Hauptreiz von Vampirgeschichten in ihrer unterschwelligen Erotik liegt?“, stichelte Petra.
   „Pah!“
   Daniela legte ihr Gruselheft mit der Titelseite nach unten auf die kleine Ablagefläche am Fenster und schaute demonstrativ hinaus auf die vorbeiziehende Landschaft, die in der Dämmerung allerdings kaum noch erkennbar war.
   „Ich gehe mal in den Speisewagen und hole mir eine Cola. Soll ich dir auch eine mitbringen?“
   „Hol dir doch lieber was Beruhigendes“, gab Daniela patzig zurück. „Dann kann ich wenigstens ungestört lesen.“
   „Ist ja schon gut“, beschwichtigte Petra, „lies halt dein Heftchen weiter, wenn es dir solch einen Spaß macht. Soll ich dir trotzdem was mitbringen?“
   Langsam wandte Daniela sich vom Fenster ab und schaute ihre Freundin an. Ein Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus.
   „Falls du unterwegs einen gutaussehenden Vampir triffst, bring ihn bitte für mich mit. Dann kann ich das mit der ‚unterschwelligen Erotik’ gleich mal ausprobieren.“

   Als Petra zwanzig Minuten später wieder zum Abteil zurückkam, kämpfte sie mit einem Schluckauf. Deshalb bemerkte sie zunächst gar nicht, daß die Gardinen an der Abteiltür zugezogen waren. Nachdem sie die Schiebetür geöffnet hatte, sah sie Daniela regungslos und bleich im Sitz liegen. Ein Mann unbestimmbaren Alters saß ihr schräg gegenüber und hob gerade den Schundroman auf, der vor ihr auf dem Boden des Zugabteils lag.
   „Was ist hier los?“, brauste Petra auf.
   „Ruhig“, sagte der Mann mit leiser Stimme. „Sie wecken sie sonst auf.“
   Irritiert sah sich Petra ihre Freundin genauer an. Ihr Brustkorb hob und senkte sich zwar nur leicht aber in regelmäßigen Abständen. Danielas Gesicht wirkte entspannt und zeigte noch im Schlaf ein zufriedenes Lächeln. Alles schien in bester Ordnung zu sein.
   Petras Schluckauf kam ihr plötzlich viel zu laut vor. Der Mann, der noch Danielas Gruselheftchen in der Hand hielt, las amüsiert dessen Titel und legte es auf die Ablage unter dem Fenster. Jetzt konnte auch Petra den Titel lesen: ‚Der Vampir im Nachtexpreß’. Obwohl auch sie das Heftchen für Schund hielt, ärgerte sie sich doch, daß ein Fremder ihre Freundin belächelte.
   „Manche dieser Geschichten sind nicht so – schlecht wie ihr Ruf“, verteidigte sie, unterbrochen durch ihren Schluckauf, ihre Freundin. „Außerdem ...“
   Weiter kam sie nicht, da der Fremde sie mit einer eigentlich harmlosen, aber energischen Geste unterbrach. Er hielt ihr seine Handfläche entgegen, wie ein Polizist, der einen zum Anhalten auffordert.
   „Still, sonst werden Sie Ihren Schluckauf erst in einigen Stunden los“, sagte er mit leiser, fast hypnotischer Stimme. „Atmen Sie jetzt ganz ruhig ein. – So ist es gut. Halten Sie die Luft einen Moment an. – Und jetzt atmen Sie wieder aus. – Gut. Jetzt wieder einatmen. – Ausatmen. Das war’s. Ihr Schluckauf ist jetzt weg.“
   Verblüfft stellte Petra fest, daß er recht hatte. Sie betrachtete den Fahrgast genauer. Er war relativ groß, ein wenig hager und hatte kurze, schwarze Haare. Bekleidet war er mit einer schwarzen Hose und einem ebenfalls schwarzen Hemd. Beide Kleidungsstücke schimmerten seidig. Er erwiderte ihre Musterung mit einem leicht spöttischen Lächeln.
   „Gefällt Ihnen, was Sie sehen?“
   Petra wußte nicht, was sie antworten sollte. Einerseits machte er sich ganz offensichtlich einen Spaß damit, sie in Verlegenheit zu bringen. Andererseits hatte er etwas faszinierendes an sich. Besonders von seinen Augen konnte sie sich kaum losreißen. Sie hatten eine blaß goldene Farbe und schienen das Umgebungslicht zu reflektieren. Wie eine Katze, die nachts von einem Autoscheinwerfer angestrahlt wird, schoß es ihr durch den Kopf. Sie sollte ihm besser nicht zu lange in diese Augen schauen. Aber sie konnte nicht den Willen aufbringen, ihren Blick abzuwenden.
   „Sie glauben doch sicher nicht an Vampire, oder?“, wollte er von ihr wissen.
   „Nein, natürlich nicht“, antwortete sie, obwohl ihr gerade jetzt Zweifel an dieser Einschätzung kamen. Noch immer konnte sie sich seinem Blick nicht entziehen.
   „Das ist auch gut so. Schließlich leben wir in aufgeklärten Zeiten, in denen kein Platz für so einen Unsinn ist.“
   Petra glaubte, einen spöttischen Unterton in seiner Stimme wahrzunehmen.
   „Glauben Sie etwa an Vampire?“, wollte sie von ihm wissen. Gleichzeitig kämpfte sie gegen den Bann, der sie noch immer zwang, in seine Augen zu sehen.
   „Glauben? Nein, so kann man das nicht nennen.“
   „Wie kann man es denn sonst nennen?“
   Wenn er jetzt irgend einen Blödsinn erzählen würde, der sie zum Lachen brächte, wäre der Bann sicher gebrochen. Petra hatte das Gefühl, ihren Willen stückweise zurückerobern zu müssen. Aber es schien ihr allmählich zu gelingen.
   „Über jeden Zweifel erhabene Gewißheit“, gab er mit fester Stimme zurück.
   Eigentlich hätte das reichen müssen. Dieser Quatsch sollte sie loslachen lassen. Statt dessen begann sie zu ihrem eigenen Entsetzen, seinen Worten zu glauben. Der Freiraum, den sich ihr Verstand erarbeitet hatte, war verschwunden. Sie hatte das Gefühl, in einen Abgrund zu stürzen. Die Kontrolle über ihren Körper hatte sie bereits verloren. Sie konnte weder fliehen, noch ihren Blick von ihm abwenden. Und auch beim Kampf um ihren freien Willen hatte er bereits die Oberhand.
   „Komm zu mir“, hörte sie ihn sagen.
   ‚Auf keinen Fall!’, dachte sie. Wenn sie jetzt nachgab, hatte er endgültig gewonnen. Sie würde sich nicht seinem Willen unterordnen. Panisch nahm sie wahr, daß sie trotzdem seiner Aufforderung folgte. So mußte sich ein Kaninchen fühlen, das von einer Schlange in die Enge gedrängt wurde. Sie zitterte. Wo war sie bloß hineingeraten?
   Dann spürte sie seine Hand in ihrem Genick. Eine wohlige Wärme ging von dieser Hand aus und verbreitete sich in ihrem ganzen Körper. Das Zittern verschwand. Und mit ihm ging der Rest ihres freien Willens. Sie spürte, wie er sie auf seinen Schoß zog. Ohne nachzudenken lehnte sie sich an ihn. Ihr Kopf ruhte an seiner Schulter, während seine linke Hand weiterhin in ihrem Genick ruhte. Als sich seine rechte Hand auf ihren Oberschenkel legte, stöhnte sie leise auf. Ein unbeschreibliches Hochgefühl durchströmte sie. Wieder begann sie zu zittern. Diesmal allerdings nicht vor Angst. Ihr Atem ging stoßweise. Dann schien irgend etwas in ihr zu explodieren. Sie verlor jedes Gefühl für Raum und Zeit.

   „Alles in Ordnung mit dir?“
   Petra spürte eine Hand auf ihrer Schulter und öffnete blinzelnd ihre Augen. Daniela schaute sie besorgt an. Lächelnd richtete Petra sich auf. Sie fühlte sich matt und erschöpft, aber glücklich. Unauffällig tastete sie mit einer Hand ihren Hals ab. Nein, gebissen worden war sie nicht.
   „Ja, mir geht’s gut.“
   „Dann bin ich ja beruhigt. Ich war wohl über meinem Roman eingeschlafen. Und als ich aufgewacht bin, lagst du hier wie tot. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht.“
   „Du siehst aber auch ziemlich mitgenommen aus, Dani.“
   „Das kann schon sein. Irgendwie bin ich auch ziemlich schlapp. Aber ich hatte einen total geilen Traum, auch wenn du mir sicher kein Wort davon glauben wirst.“
   „Doch, Dani, ich werde dir jedes Wort glauben.“

© 12/2007 Why-Not

 

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