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Das Vorstellungsgespräch

Stories von Why-Not

Das Vorstellungsgespräch
(nach einer Plot-Idee von Shayn / buchstabeninsel.de)

   Malcolm fragte sich, warum sein potentieller Arbeitgeber so um den heißen Brei herumredete. Konnte er nicht klipp und klar sagen, was es mit der Stelle auf sich hatte? Schließlich bewarb er sich nicht auf eine Stelle als Geheimagent, sondern als Kriminalpsychologe.
   „Sie werden sehen, Dr. Stuart, daß unsere Forschung eher ungewöhnliche Wege geht. Von Ihnen erwarten wir daher, daß Sie sich zur Verschwiegenheit verpflichten, bevor ich auf die Details eingehe.“
   „Kein Problem“, erwiderte Malcolm lässig. „Wo muß ich unterschreiben?“
   Professor Baldwin reichte ihm ein vorbereitetes Formblatt. Malcolms Name und Adresse waren bereits eingetragen. Schwungvoll setzte er seine Unterschrift darunter.
   „Dann kommen Sie mal mit. Den besten Eindruck bekommen Sie, wenn Sie uns direkt bei der Arbeit zuschauen.“
   Nachdem sich der Professor aus seinem Sessel erhoben hatte, stand auch Malcolm auf. Er begleitete ihn zunächst zu einem Aufzug, mit dem sie in ein Kellergeschoß fuhren, das mindestens drei Stockwerke unter der Erde liegen mußte. Sie passierten einige dicke Stahltüren, die sich nur mit hochmodernen Schlüsseln öffnen ließen. So langsam wurde Malcolm die Situation doch unheimlich, auch wenn die Gänge in betont freundlichen Farben gehalten waren.
   „Haben Sie heute eigentlich schon zu Mittag gegessen?“, wollte der Professor von ihm wissen.
   „Ja, danke. Ich habe mir auf dem Weg ein Fischbrötchen geholt.“
   Warum Professor Baldwin wissend nickte, war Malcolm unklar. Vielleicht wollte er sich ja bloß wichtig machen. Ohne die Stahltüren, die ein Vermögen gekostet haben mußten, hätte das ganze Vorstellungsgespräch bei ihm den Eindruck hinterlassen, daß sich da bloß jemand auf Kosten eines Bewerbers aufspielen wollte. Aber nur für sein Ego hätte der Professor sicher nicht dieses unterirdische Verlies bezahlt bekommen.

   Sie erreichten einen schwach beleuchteten Raum mit einer dicken Glasscheibe. Auf ihrer Seite der Scheibe waren mehrere Stühle aufgestellt. Die andere Seite lag im Dunkeln.
   „Setzen Sie sich. Gleich bekommen Sie einen Einblick in unsere Arbeit.“
   Malcolm nahm neben dem Professor platz, der ihn verstohlen beobachtete. War das ein Test, dessen Bestehen für die Arbeit auf der ausgeschriebenen Stelle notwendig war? Mit angespannter Aufmerksamkeit wandte Malcolm sich der Glasscheibe zu. Das Licht im Raum erlosch jetzt völlig. Langsam erhellte sich die Szenerie auf der anderen Seite der Scheibe. Ein nächtlicher Park war zu erkennen. Da Malcolm wußte, daß sie sich in einem Kellergeschoß befanden, versuchte er die Raumdecke über dem Park zu erkennen. Die Illusion war allerdings perfekt. Leichte Nebelschwaden zogen durch die gespenstisch wirkende Landschaft, die nur von einer trüben Parklaterne notdürftig ausgeleuchtet wurde.
   „Unsere Versuchsperson weiß nicht, daß der Park nur Kulisse ist“, erläuterte der Professor halblaut.
   Eine junge Frau kam ins Blickfeld. Sie schaute sich unsicher um. Ihre Handtasche preßte sie an ihre Brust, während sie einem kaum erkennbaren Weg durch den Nebel folgte. Plötzlich kam ein grobschlächtiger Mann ins Blickfeld. Er schnitt der Frau den Weg ab.
   „Was wollen Sie von mir?“, fragte die Frau ihn ängstlich. Ihre Stimme überschlug sich dabei.
   Der Mann grinste höhnisch und kam immer näher. Als die Frau versuchte, vor ihm wegzurennen, ergriff er ihren Arm und zerrte sie zu sich heran.
   „Lassen Sie mich los! Sie tun mir weh!“
   Die Frau versuchte vergeblich, sich von ihm loszureißen.
   „Hilfe!“, schrie sie gellend auf.

   Malcolm rutschte unruhig auf seinem Platz hin und her. Das war doch keine Verhaltensforschung. Wenn das so weiter ging, würde die Versuchsperson traumatisiert aus diesem Forschungslabor herauskommen.
   Als der Mann ein Messer hervorholte, sprang Malcolm auf.
   „Das können Sie doch nicht zulassen“, fuhr er den Professor an, der entspannt auf seinem Stuhl saß. „Sehen Sie nicht, daß diese Frau von Ihrem Szenario traumatisiert wird?“
   „Sie verstehen noch nicht, was wir hier machen. Setzen Sie sich und schauen Sie genau hin.“
   Der Mann hielt der Frau inzwischen sein Messer an die Kehle. Ihr Blick war panisch. Dann stach er zu. Immer wieder fuhr sein Messer in den Körper der Frau, die ohne einen weiteren Ton in sich zusammensackte. Das Blut spritzte bis an die Glasscheibe. Malcolms Mittagessen bahnte sich den Weg nach oben. Wortlos hielt der Professor ihm einen Kübel hin. Der Mörder war inzwischen aus der Szenerie verschwunden.
   „Das ist doch krank, was Sie hier machen“, keuchte Malcolm. „Wir müssen hinein und schauen, ob wir der Frau noch helfen können!“
   „Schauen Sie hin“, antwortete der Professor, der weiterhin entspannt in seinem Stuhl saß.
   Die Frau erhob sich wieder, strich sich ihr Kleid glatt und winkte ihnen durch die Glasscheibe zu.
   „Was war das?“, stammelte Malcolm fassungslos.
   „Die Frau ist ein Cyborg, kein Mensch. Sie ist Bestandteil unseres Versuches. Ahnungslos ist nur der Mörder, der glaubt, gelegentlich aus unserer Anstalt entwischen zu können. Wir wollen herausfinden, warum er mordet, wie er dabei vorgeht und was dabei in seinem Gehirn passiert. Er ist ohne sein Wissen vollständig verdrahtet. Wir bekommen alle meßbaren Daten seines Körpers. Und wir können uns nachher in aller Ausführlichkeit mit ihm unterhalten, wobei er die Gespräche mit uns hinterher wieder vergißt. So können wir unseren Versuch beliebig oft wiederholen.“
   Schwungvoll stand der Professor jetzt auf. Den Kübel mit Malcolms Erbrochenem stellte er in eine automatische Reinigungsanlage.
   „Darf ich Sie zu einem zweiten Mittagessen einladen?“

© 11/2009 Why-Not

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