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Na dann ...

Stories von Why-Not

Gesichter des Todes (5)

Na dann ...

   Diesen einen Lastwagen noch, dann würde er wieder nach rechts einscheren. Der Fahrer des entgegenkommenden Wagens betätigte bereits nervös die Lichthupe. Sonntagsfahrer! Der Rausch des Adrenalins peitschte seine Stimmung an, während er gerade noch rechtzeitig vor dem LKW nach rechts zog. Das verärgerte Hupen des Brummi-Fahrers hinter ihm quittierte er mit einer obszönen Geste. Die Umgebung rauschte an ihm vorbei, und er genoß die Geschwindigkeit, während die 100 PS zwischen seinen Schenkeln röhrten. Es war ideales Motorradwetter, sonnig und nicht zu warm.
   Schon wieder blinkte ihn ein entgegenkommender Wagen an. Was wollte der denn? Er war doch diesmal auf seiner eigenen Fahrbahn. Vielleicht eine Radarfalle hinter der Kuppe dort vorne? Das wäre ihm egal. Die blitzten hier in der Gegend nur von vorne. Und da hatte seine Maschine kein Nummernschild. Sollten die Polizisten doch versuchen, ihn zu verfolgen. Dazu müßten sie schon einen Porsche am Straßenrand stehen haben. Und selbst damit würde es ein spannendes Rennen werden.
   Plötzlich glaubte er, aus den Augenwinkeln ein Gesicht zu erkennen. Schön geschnitten, mit langen, blonden Haaren, die in einem leichten Wind wehten. Das ging doch gar nicht. Bei den 210 km/h, die er fuhr, müßte das ganz anders aussehen. Er drehte den Kopf zu dem Gesicht, während er über die Kuppe fuhr – und raste ungebremst in eine Erntemaschine, die mit 20 km/h auf der Landstraße dahinschlich.

   „Hallo Süßer.“
   Er lag im Gras und blinzelte mit den Augen. Der Himmel über ihm war strahlend blau. Neben ihm saß eine junge Frau in der Hocke und schaute ihn an. Ihr Gesicht kam ihm seltsam vertraut vor, auch wenn er im ersten Moment nicht wußte, woher er sie kannte. Noch etwas anderes nagte an seinem Verstand. Irgend etwas Wichtiges, aber er wußte nicht, was es war. Langsam richtete er sich auf. Was machte er eigentlich hier? Wo war er überhaupt? Plötzlich erinnerte er sich wieder. Er war mit dem Motorrad unterwegs gewesen. Und dann ...
   Er stand auf. Und die Frau neben ihm erhob sich ebenfalls. Sie war fast so groß wie er. Ihre langen, blonden Haare schienen von einem Wind bewegt zu werden, den er gar nicht spürte. Ein Teil von ihm versuchte krampfhaft, sich zu erinnern, woher ihm die Frau bekannt vorkam. Gleichzeitig verfolgte der Rest seines seltsam trägen Verstandes den Gedanken weiter, der ihn hatte aufstehen lassen. Er war mit seinem Motorrad unterwegs gewesen. Daran erinnerte er sich jetzt. Etwas mußte passiert sein. War er auf ein Hindernis geprallt und von der Wucht ins Gras geschleudert worden? Wo war sein Helm? Egal. Wo war seine Maschine?
   Suchend schaute er sich um und entdeckte in 100 Metern Entfernung die Landstraße. Einige Leute liefen aufgeregt herum und sicherten die Unfallstelle. Langsam näherte er sich der großen Erntemaschine, die am Straßenrand stand. Als er näher kam, sah er sein Motorrad. Es war völlig zerstört. Und er sah einen Motorradfahrer, der reglos und mit unnatürlich verdrehten Gliedmaßen auf der Straße lag. War noch jemand in das landwirtschaftliche Fahrzeug gerast? Jemand, der weniger Glück gehabt hatte als er?
   Eine Hand legte sich auf seine Schulter.
   „Geh’ nicht näher heran“, sagte die junge Frau neben ihm, „Es sieht ziemlich übel aus.“
   „Ist er tot?“
   „Du kennst doch die Motorradklamotten und den Helm.“
   Er schaute noch einmal genauer hin und erstarrte. Das waren seine Sachen.
   „Bin ich ...“
   „Tot? Ja, das bist du.“
   Eine Weile starrte er wortlos auf die Szenerie vor ihm. Dann drehte er sich zu der Frau um.
   „Jetzt erinnere ich mich wieder daran, wo ich dich gesehen hatte. Kurz vor dem Unfall hatte ich dich aus den Augenwinkeln bemerkt.“
   Sie nickte.
   „Wenn du mich nicht abgelenkt hättest ...“
   „... dann hättest du gebremst und wärst nicht mit 210, sondern nur mit 170 km/h in die Erntemaschine gerast. Und ja, du hättest den Aufprall überlebt. Für etwa eine Stunde. Eine sehr schmerzhafte Stunde.“
   Er schaute sie betreten an. Überrascht stellte er fest, daß ihre Hand inzwischen in sein Genick gerutscht war und ihn streichelte. Sie lächelte ihn schelmisch und verführerisch an.
   „Was hältst du davon, wenn wir es uns weiter hinten auf der Wiese etwas gemütlich machen?“
   „Wie? Ich dachte, ich wäre jetzt tot.“
   „Ja und? Das ist doch kein Grund, sich von jetzt ab keinen Spaß mehr zu gönnen. Oder gefalle ich dir etwa nicht?“
   „Ich bin halt noch etwas durcheinander.“
   „Was glaubst du“, lachte sie, „wie durcheinander du erst hinterher sein wirst.“
   Sie griff nach seiner Hand und zog ihn weiter auf die Wiese, weg von dem Unfall. Als die Straße außer Sichtweite war, blieb sie stehen und begann, sich langsam und aufreizend auszuziehen. Dann zog sie auch ihm die Kleidung aus und preßte sich an ihn.
   „Wetten, daß du dein Leben vor dem Tod in wenigen Minuten vergessen hast?“

© 05/2007 Why-Not

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